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Die Gummiinsel in Gießen an der Lahn



Die “Gummiinsel“ ist ein Bezirk in der Weststadt, der Universitätsstadt Gießen. Es handelt sich bei dieser im Gießener Sprachgebrauch verbreiteten Bezeichnung um die Straßen: Am Läufertsröder Weg, Leimenkauterweg, Alter Krofdorfer Weg und Krofdorferstraße 100-110.

Die „Gummiinsel“ wurde in den Jahren 1932 bis 1939 erbaut. 78 „Rotklinkerhäuschen“ entstanden als Notwohnungen, die im westlichen Randbezirk von Gießen lagen. Der Standort der Siedlung lag im Überschwemmungsgebiet der Lahn. Bei Hochwasser wurde das Gelände der „Gummiinsel“ überflutet und dieser Anblick vermittelte den Eindruck einer „Insel“. Die Bewohner der „Insel“ fanden in der nahe gelegenen Gummifabrik Arbeit. Dort holten Sie mit Handwägen Gummiringe, um sie zu sortieren und zu zählen. In dieser Zeit entstand der für die Siedlung bis heute noch gebräuchliche Name „Gummiinsel“.
Nach dem 2. Weltkrieg wurden weitere Wohnblocks in Schlichtbauweise errichtet, um der damaligen Wohnungsnot zu begegnen. Dabei war an Übergangswohnungen gedacht, die den Richtlinien des sozialen Wohnungsbaus entsprechen sollten. Im Laufe der Zeit entstand durch Herausbildung interner sozialer Beziehungen, Heirat und Familiengründungen, dauerhaftes Wohnen und damit ein soziales Getto.

                                           
                                                                        Straßenzug
Gummiinsel 70er Jahre

„Gummiinsel“ war nicht nur die Bezeichnung für diesen Bezirk, gleichzeitig drückte dieser Begriff die  Stigmatisierung der Bewohner aus. Denn auf der „Gummiinsel“ wohnten die „Manischen" oder die "Maneköpp“ - mit Ihrer eigenen Sprache.

In Gießen ist die Bedeutung des Begriffs „manisch“ multivalent. Zum einen wird der Begriff zur Bezeichnung der betroffenen Sprache- und zum anderen zur sozialen Einordnung der Originalsprecher selbst verwand und im Sprachgebrauch des "Gießener Bürgertums“ wird der Begriff „Manisch“ sinnentfremdet, zum Zweck der sozialen Klassifizierung einer außerhalb des bürgerlichen Ordnungsgefüges lebender Personengruppe, verwand.

    Nicht alle, die in Gießen „manisch“ geheißen werden, sind Angehörige der original Gruppen!

Einige Zeitgenossen behaupten - dass das „Manische“ - eine auf der „Gummiinsel“ erfundene Geheimsprache sei. Dies ist aber nicht richtig. Richtig ist, dass der Begriff „Manisch“ eine sprachliche Verkürzung und Eindeutschung der zigeunersprachlichen Vokabel „Romanischel“ ist. „Romanischel“ bedeutet >Sippschaft der Zigeuner< und setzt sich aus „Romani“ (der Zigeuner) und „tschel“ (Sippschaft) zusammen.

Das „Manische“, die Sprache der „Romanischel“, ist die Sprache der Zigeuner, die Sprache des fahrenden Volkes.

Die Gießener Sprecher bezeichnen zwar ihre Sprache als „Manisch“, lehnen aber für sich selbst die Bezeichnung als „Manische“ ab, unter der sie von der übrigen Bevölkerung mit den Roma zusammengefasst werden, und bezeichnen sich vielmehr als Jenische.

Für Gießen gilt, dass von 574 wissenschaftlich dokumentierten Wortstämmen 402 (70%) aus dem Romanischel entlehnt, sowie 84 (14,6%) deutschen, 65 (11,3%) dem jidischen, 10 (1,7%) anderssprachlichen und 13 (2,3%) ungeklärten Ursprungs sind. Auch das Berleburger Manisch weist ganz überwiegend Wortstämme aus dem Romanischel auf.  Hans-Günter Lerch: Das Manische in Gießen: die Geheimsprache einer gesellschaftlichen Randgruppe, ihre Geschichte und ihre soziologischen Hintergründe. Anabas Verlag, Gießen 1976, ISBN 3-87038-048-9

                      
„Und diese echte Sprache (Romanischel), mit eigener Grammatik und eigener Syntax, ist ein nordischer Dialekt der Hindu - in stark überfremdeter Form. (H.Arnold: Die Zigeuner, Herkunft und Leben der Stämme im deutschen Sprachgebiet. Olten und Freiburg im Breisgau: Walter-Verlag 1965) 

Ende des 18. Jahrhunderts ließ sich in Teilen Hessens, Rheinlandpfalz, Niedersachsen, NRW und in der Domstadt Köln „fahrendes Volk“ nieder und wurde teilsesshaft. So auch im Kreis- und in der Stadt Gießen. Im Jahre 1917 waren in Gießen ca. 20 Familien gemeldet, die im Sommer mit einem ambulanten Gewerbeschein nach Zigeunerart umherzogen. Sie boten Ihre Dienstleistung als Schirmflicker, Korbmacher oder als Hausierer mit Kurzwaren an. In der kalten Jahreszeit bezogen sie ihre Winterquartiere in Gießen.
Die „manischen“ Familien wohnten Anfang des 19. Jahrhunderts in der Gießener Altstadt. Die Kinderreichen Familien kamen im Seltersweg, Wolkengasse, Löwengasse, Kaplansgasse, Katharinengasse, Teufelslustgärtchen, Maigasse, Weidengasse, Erlengasse, Sonnenstraße, Wagengasse, Bahnhofstraße, Mühlstraße, Tiefenweg, Kleine Mühlgasse, Große Mühlgasse, Neustadt, Sandgasse,Marktstraße, Marktplatz, Kanzleiberg, Schlossgasse, Kirchenplatz, Wetzsteinstraße, Dammstraße, Schillerstraße und Asterweg unter.  Des öfteren wurden die Familien kurzerhand vor die Tür gesetzt, da dem Vermieter das Verhalten der Familien missfiel. Die Wohnungsnot der Kinderreichen ambulanten Händler wurde immer größer, sodass die Stadt handeln musste.
1927 entstand die Siedlung an der Magaretenhütte. Diese bestand aus ausrangierten Eisenbahnwagen, die auf feste Fundamente gestellt wurden. 1929 wurden 32 „feste“ Häuser an der Magaretenhütte fertig gestellt in denen 120 Familien auf engstem Raum lebten.

1932 wurden die ersten Häuser an der Krofdorferstraße und im Leimenkauterweg errichtet. Zwischen 1937 und 1939 wurde die „Siedlung“ fertig gestellt.
Nach dem 2. Weltkrieg entstand eine weitere „Siedlung“ - der Eulenkopf. Die Siedlungen Magaretenhütte, Gummiinsel und Eulenkopf waren die sozialen Brennpunkte in Gießen.

                                                          
                                                            Gummiinsel / Blick in die Vorgärten, 70er Jahre
           


Wo wurde/wird "Manisch" in Hessen gesprochen?

Gesprochen wurde bzw. wird "Manisch" in Gießen - insbesondere in den Wohnquartieren, der „Gummiinsel“, der "Margaretenhütte" und dem "Eulenkopf", in Marburg in den Stadtteilen "Richtersberg" und "Waldtal" und in Wetzlar - im ehemaligen „Finsterloh“.

Bundesweit wird/wurde in verschiedenen Regionen "Jenisch/Manisch" gesprochen - Bsp. Ichenhausen, Augsburg, Bad Berleburg, Leer, Jever, etc.

Hier eine interessante Zusammenstellung von Beispielworten aus dem Jenischen, die in die mehrheitsgesellschaftliche Umgangssprache eingingen:

„Wenn ein kesser oder fieser Macker in die Kneipe latscht, dort über die Saure-Gurken-Zeit quasselt und sich über seine Maloche beklagt. Wenn er dann noch einen Bullen um Moos oder einen Heiermann anhaut und ganz im Eimer ist, weil er Bock auf Fusel hat, ist der Feez vorbei. Es fetzt natürlich, wenn man den Pauker in der Penne verkohlt oder im Kittchen pooft.“

Literatur
*Hans-Günter Lerch: Das Manische in Gießen: die Geheimsprache einer gesellschaftlichen Randgruppe, ihre Geschichte und ihre soziologischen Hintergründe. Anabas Verlag, Gießen 1976, ISBN 3-87038-048-9 (überarbeitete Fassung einer Gießener Dissertation von 1973, mit Wörterbuch); 2. Aufl. 1981, ISBN 3-87038-079-9; 3. Aufl. 1986, ISBN 3-87038-079-9; Sonderauflage zum 175-jährigen Jubiläum der Ferber'schen Universitäts-Buchhandlung, Ferber, Gießen 1997, ISBN 3-927835-91-9
*Ulrich Friedrich Opfermann: Relikte des Manischen und des Jenischen in Wittgenstein und im Siegerland, in: Siewert, Klaus, Aspekte und Ergebnisse der Sondersprachenforschung. II. Internationales Symposion 28. bis 31. Mai 1997 in Brüssel (Sondersprachenforschung, Bd. 4), Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1999, S. 111-134

Über die Bewohner der „Gummiinsel“ hatte das ZDF in seiner Reihe „ZDF Reportage“ vor einigen Jahren einen Film mit dem Titel „Deutsche Desperados“* gedreht.

*Deutsche Desperados: das Dorf der Schrottler, Schausteller und Hausierer 1998. VHS, 30 Min. -
Marc Wiese (Regie), Heiner Gatzemeier (Red.)

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Wörterbuch - "Manisch-Deutsch"

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